Sportliche Podcasts – Mit iPads entstehen Klausuren zum Anhören

03. Mai 2021


 

 

Eine Universität, einen Technologiepark, zu dem unter anderem ein 146 Meter hoher Fallturm für Experimente unter Schwerelosigkeit gehört, ein Science-Center zum Erleben und Mitmachen und die Oberschule Ronzelenstraße – das alles findet man im Bremer Stadtteil Horn-Lehe. Unser leider immer noch im heimischen Hamburg stehender iPad-Koffer, mit dem in pandemiefreien Zeiten digitale Projekte an Schulen umgesetzt werden, hätte sich in dieser Umgebung sicher pudelwohl gefühlt. Wie alle Oberschulen in Bremen bietet auch die sportbetonte Oberschule Ronzelenstraße durchgängige Bildungswege für alle Schulabschlüsse. In ihrer gymnasialen Oberstufe können die Schüler*innen in drei Zügen individuelle Schwerpunkte setzen, darunter auch im Bereich „Sport und Gesundheit“. Hier wurde im Januar 2021 ein besonders innovatives Beispiel für digitalen Unterricht umgesetzt. „Ich bin nicht so der Fan schriftlicher Klausuren“, sagt Andreas Kasche, der an der Schule Physik, Sport und Informatik unterrichtet. Den 21 Schüler*innen seines Sport-Leistungskurses der 12. Klasse hat er deshalb eine etwas andere Aufgabe gestellt, um ihre Klausurersatzleistung erbringen zu können: Es galt, ein bereits im Unterricht behandeltes Thema nochmal als Podcast aufzubereiten.

 

 

EIN KURZER BLICK ZURÜCK

Nach den ersten coronabedingten Schulschließungen im Frühjahr 2020 beschloss der Senat des Landes Bremen, für alle Lehrkräfte sowie Schüler*innen über 90.000 iPads anzuschaffen und kostenlos zu verteilen. Auch sonst war man im Nordwesten gut auf die Ausnahmesituation vorbereitet, wurde doch bereits 2015 die Lernplattform itslearning für alle Schulen angeschafft, die seit Beginn des fl ächendeckenden Homeschoolings reibungslos funktioniert und als digitales Scharnier zwischen den Lehrkräften und der Schülerschaft sowie den Eltern fungiert. Da trifft es sich besonders gut, dass Kasche am Bremer Zentrum für Medien Kolleg*innen beim Einsatz von itslearning unterstützt und außerdem für die IT-Infrastruktur der Ronzelenschule verantwortlich ist. Als dann zwei Wochen vor Weihnachten die ersten für den Schuleinsatz vorkonfi gurierten und von den Lehrkräften über ein MDM (Mobile Device Management System) verwalteten iPads verteilt wurden, war es naheliegend, dass der Sport-Leistungskurs des technikaffinen Lehrers als Versuchskurs auserkoren wurde.

HIGH-TECH ALS MITTEL ZUM ZWECK

„Wir wollten die Schüler*innen auch ein bisschen zwingen, sich mit der Technik auseinanderzusetzen“, sagt Kasche und weist darauf hin, dass bei der Erstellung der Podcasts nur „mit Bordmitteln gearbeitet“ wurde. Das waren in erster Linie „GarageBand“, die vorinstallierte Standard-App von Apple für Audiokreationen aller Art, sowie das iPad-eigene Mikrofon. Da das ganze Projekt auch als Vorbereitung auf Facharbeit und Abitur gedacht war, wurde außerdem viel Wert auf propädeutische Aspekte gelegt. Zum Beispiel sollte „auch ein Bewusstsein für einen den Themen und der Form angemessenen Ausdruck und eine angemessene Sprache geschaffen werden“, so Kursleiter Kasche. Weitere positive Nebeneffekte des Projekts waren, so der Pädagoge weiter, zum einen, „sich mal zehn Minuten auf ein Thema zu konzentrieren und dieses auch für Zuhörende ohne Vorkenntnisse verständlich aufzubereiten. Zum anderen natürlich, den bereits bekannten Stoff in Vorbereitung auf die kommende Abschlussprüfung zu wiederholen und nachhaltig zu lernen.“

JEDE*R FÜR SICH UND ALLE FÜREINANDER

Aus den vier Themenbereichen Bewegungsanalysen, Bewegungsmerkmale, Bewegungsfelder und Bewegungsfertigkeiten konnten sich alle Schüler*innen einen konkreten Aspekt zur Bearbeitung auswählen. Während manche Kursteilnehmer*innen sich für die Analyse der perfekten Flanke im Fußball oder des komplexen Bewegungsablaufs eines Aufschlags beim Tennis entschieden, erläuterten andere detailliert verschiedene Bewegungsfelder wie Fahren, Gleiten und Rollen. Die Anforderungen waren dabei für alle gleich: Der Podcast musste acht bis zehn Minuten dauern; er musste alleine erstellt werden, sollte spannend, informativ und frei gesprochen sein und inhaltlich über die bloße Wiedergabe des Themas anhand der Unterrichtsmaterialien hinausgehen. Hier kam also noch der Aspekt der Recherche ins Spiel, die natürlich wiederum auch mithilfe der iPads angegangen werden konnte. Die konkrete Aufgabenstellung hatte Kasche auf itslearning hinterlegt. Zur gemeinsamen Vorbereitung traf sich der Kurs dann einmalig zu einer Videokonferenz. Zusätzlich gab es eine Methodenstunde, in der technische Fragen geklärt wurden. Weitere konkrete Anleitungen zur Podcast- Erstellung gab es nicht. Schließlich war eine der Zielstellungen auch, zu erkunden, wie sich junge Menschen mit unterschiedlichem Vorwissen ein neues technisches Anwendungsfeld selbst erarbeiten. Während die eigentliche Leistung alleine erbracht werden musste, waren gegenseitige Hilfestellung und Absprachen unter den Kursteilnehmenden durchaus erwünscht, am besten über das in die Lernplattform integrierte gemeinsame Kursforum. Bei der Unterstützung in technischen Fragen erwies sich die Einheitlichkeit der verwendeten Hardware als klarer Vorteil. Die Schnittstelle für alle Abläufe war die gemeinsame Lernplattform.

KLAUSUREN UND BEWERTUNGEN ZUM NACHHÖREN

Im Januar hatten die 21 Schüler*innen schließlich zwei Wochen Zeit, ihren Podcast zu konzeptionieren, einen Ablaufplan zu erstellen und ihr Thema für das geforderte Format stimmig aufzubereiten und einzusprechen, bevor sie es als fertige Audiodatei bei der Lernplattform itslearning hochladen und damit „abgeben“ konnten. Für die Bewertung hat sich Kasche ein einfach nachvollziehbares Raster überlegt: In den Kategorien „fachliche Tiefe“, „Struktur“ und „Form“ wurden Punkte in jeweils vier Abstufungen von „entspricht nicht den Erwartungen“ bis „übertrifft die Erwartungen“ vergeben, woraus sich schließlich eine Gesamtnote ergab. Diese erläuterte Kasche dann allen Schüler*innen einzeln in einem ausführlichen Audiofeedback, das er ebenfalls auf die Lernplattform stellte. Und wie beurteilt der Kursleiter nun Ablauf und Ergebnisse seiner innovativen Versuchsanordnung? „Super!“, ist die Kurzfassung von Kasches Antwort, bevor er weiter ausführt: „Dass fast alle große Lust auf das neue Format hatten, merkt man den Podcasts an. Ich war erstaunt, welch tolle Ergebnisse gerade stillere Schüler*innen abgeliefert haben.“ Teilweise hätten diese in ihren Ausführungen sogar Bezug auf andere Podcasts im Kurs genommen beziehungsweise darauf verwiesen. „Das ungewöhnliche Prüfungsformat hat ganz klar die Motivation gesteigert“, betont der begeisterte Sportlehrer, der mit seinem innovativen Projekt eindrücklich vor Augen geführt hat, wie digitale Bildung heute funktionieren kann: Mit iPads als einem zeitgemäßen Werkzeug, das nicht nur hilft, vorgegebenen Unterrichtsstoff zu bearbeiten, um das Lernziel zu erreichen, sondern mit dem Lernende gleichzeitig zahlreiche weitere Fertigkeiten ganz nebenbei trainieren können: digitale Kompetenzen wie das grundsätzliche Verständnis für die Funktionsweise neuer Technologien und die selbstständige Aneignung neuen Wissens im Umgang mit unbekannten Apps – und gleichzeitig ganz analoge Kompetenzen wie die Konzentration auf ein Thema und das Bemühen um einen verständlichen Ausdruck.

PODCAST

Der Begriff „Podcast“ ist seit etwa Anfang des Jahrtausends gebräuchlich und bezeichnet Mediendateien (Audio und/ oder Video), die üblicherweise, aber nicht nur als Serie veröffentlicht und mittels entsprechender Apps abonniert werden können. Der Wortteil „Pod“ ist dem iPod der Firma Apple entlehnt, dem ersten massenhaft verbreiteten Player für derartige Dateien. „Cast“ stammt von „broadcast“, dem englischen Wort für „senden“ oder „Sendung“.

 

 


ANZEIGEN:
Diese Seite verwendet Cookies gemäß unserer Datenschutz-Bestimmungen.